Satire Stunt hebt die verlorenen Waffen der Bundeswehr hervor

Ein deutsches Künstlerkollektiv hat vor Angela Merkels Büro eine Abgabebox für fehlende Waffen eingerichtet. Die Bundeswehr wurde von Berichten über gestohlene Waffen verfolgt, die in die Hände extremistischer rechtsextremer Netzwerke gelangten.

“Noch hat niemand Waffen abgegeben”, sagt die junge Frau, die in einem Wachkasten vor dem riesigen Bürogebäude von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Zentrum Berlins sitzt.

Die kleine graue Schachtel, in der sie sich befindet, ist metallisch, sieht nicht sehr bequem aus und trägt ein Logo, das dem offiziellen Bundeswehrkreuz ziemlich nahe kommt – es sieht überzeugend aus. So auch die “Drop-off-Boxen” für daneben stehende Waffen, die die alarmierende Liste der Waffen tragen, von denen das deutsche Militär in den letzten Jahren angeblich alle Spuren verloren hat: Dazu gehören 60 Kilo Sprengstoff, 74.161 Schuss Munition, über zwei Dutzend vollautomatische Gewehre, ein paar handgehaltene Boden-Luft-Raketenwerfer und acht Raketenrohre für Tornado-Kampfflugzeuge.

Der von den Behörden offiziell genehmigte Stunt wird vom Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) durchgeführt, das eine Website eingerichtet hat, die ebenfalls echt aussieht. Unter einem Domainnamen, der übersetzt “unsere Waffen” bedeutet, ermutigt das deutsche Kollektiv für politische Kunst die Menschen ernsthaft, sich an den deutschen Militärischen Spionageabwehrdienst (MAD) zu wenden, wenn sie wissen, wo sich eine der fehlenden Waffen der Bundeswehr befindet oder ob sie einen Verdacht haben Extremisten im Militär.

Das ist also eine Satire, die tatsächlich bereit ist, mit den Behörden zusammenzuarbeiten, die sie satirisiert. Zumindest laut ZPS selbst: Die Gruppe hat nach eigenen Angaben bereits am ersten Tag des Wahlkampfs Berichte über 44 “Verdächtige” der Streitkräfte erhalten, die sie an das Verteidigungsministerium und den Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages weitergeleitet haben.

Das Verteidigungsministerium wollte keine Stellungnahme zur ZPS-Aktion abgeben, da es sich hauptsächlich um ein Kunstwerk handele. “Aber wir nehmen das Problem der fehlenden Waffen sehr ernst”, sagte ein Sprecher am Dienstag gegenüber Journalisten und wies darauf hin, dass das Ministerium plant, Ende des Monats einen Zwischenbericht zu diesem Thema zu erstellen.

Dies wird Teil einer laufenden Untersuchung sein, die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer nach einem großen Skandal angestoßen hat: Im Juli löste die Bundeswehr eine ganze Kompanie ihrer Special Commando Forces (KSK) auf, weil ihre Mitglieder offen rechtsextremes Mitgefühl ausdrückten und führte Nazi-Grüße durch. Gleichzeitig gab das deutsche Verteidigungsministerium zu, seit 2010 60.000 Schuss Munition verloren zu haben.

Zwei Monate zuvor hatte die Polizei das Haus eines Soldaten der Firma durchsucht und Sprengstoff und Munition unter der Erde gefunden. Der Hinweis kam über die MAD, die den 45-Jährigen seit 2017 überwacht hatte.

Trotz dieses hochkarätigen Falls wurden verlorene Waffen nicht unbedingt alle von Rechtsextremisten gestohlen, und das Ministerium erkennt nicht offiziell an, dass es einen Zusammenhang zwischen den verlorenen Waffen und dem Extremismus in den Reihen gibt.

Die Bundesregierung steht jedoch seit mindestens 2017 unter dem Druck, Neonazi-Netzwerke in den Sicherheitskräften auszurotten, als Berichte über ein rechtsextremes “Prepper”-Netzwerk in den Streitkräften in die Medien sprudelten. Im Mittelpunkt stand der Bundeswehroffizier Andre S. mit dem Spitznamen Hannibal, der Chat-Gruppen koordinierte, die weit über hundert Personen in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz zählten. Sie planten angeblich einen “Tag X” – ein soziales Weltuntergangsszenario in Deutschland.

Was bald von den Medien als “Hannibal-Netzwerk” bezeichnet wurde, waren Angehörige der Streitkräfte, der Polizei, des deutschen Geheimdienstes BfV (dessen Aufgabe es ist, Extremisten aufzuspüren) sowie des deutschen Justizsystems. Das Netzwerk schien das Skelett einer unterirdischen Armee aufzubauen, Trainingsübungen zu organisieren und Waffen und andere Vorräte zu sammeln.

Dank einer Untersuchung der Taz-Zeitung im Jahr 2018 sowie parlamentarischer Informationsanfragen der Linkspartei stellte sich heraus, dass Andre S. Hinweise von der MAD selbst erhielt und einer der Soldaten namens Franco A. gefasst wurde angeblich einen Terroranschlag unter falscher Flagge geplant, der als syrischer Flüchtling getarnt ist.

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